Das G ist zuviel!

Richard Stallman hat es geschafft. Er hat mal wieder jemanden vor den Kopf gestoßen. Dieses Mal hat er die Entwickler-Gemeinschaft des GNOME-Projektes verärgert.
Dieses Mal? Nun ja, es ist nicht das 1.Mal, dass er einigen vor den Kopf gestoßen hat. Zum einem outete sich Mr. Stallman als echter Chauvi. Das wäre normalerweise nicht weiter schlimm, schließlich hat auch der Autor dieses Blogs seine Chauvi-Phasen. Allerdings ist Richard Stallman der Erschaffer von GNU, der GNU Public License (GPL), die wohl wichtigste Softwarelizenz der Open-Source Welt und last but not least der Gründer der Free Software Foundation (FSF).

Das GNU Logo

Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass Richard Mathew Stallman, oder kurz rms, eine Autorität im Bereich Open-Source ist. Im Gegensatz zum Autor dieses Blogs, dessen Einfluss man maximal als nahezu nicht vorhanden beschreiben kann. Als solche, von der Mehrheit akzeptierten, Autorität ist es nicht besonders clever, wenn man den ohnehin schon geringen Frauenanteil beleidigt.
Beim anderen Mal war schon fast fremd schämen angesagt. Rms hatte, als Antwort auf einen von der Welt kaum beachteten Teil der Microsoft Windows 7 Marketing Maschinerie, versucht eine Gegenkampagne zu initiieren. Diese hörte auf den sinnigen Namen „Windows 7 Sins” und, ja, das war so peinlich, wie es sich anhört. Viele waren darüber aber auch verärgert, denn wie kann ein Open-Source Entwickler Ernst genommen werden, wenn es solche Aktionen gibt. Richtig, gar nicht!

Der Fall GNOME-Planet

Nun also die Entwickler des GNOME-Projektes. GNOME ist wie so vieles in der IT ein Akronym für GNU Network Object Modeling Envoriment. Das Projekt ist also ein Teil von GNU und steht damit natürlich in Kontakt mit und zu rms.
Manche Entwickler des Projektes bloggen auch. Ihre Blogeinträge erscheinen dann im GNOME.org-Planeten. Und sie arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Nicht alle haben das Glück, für eine Open-Source Firma arbeiten zu können. Daher arbeiten sie bei Firmen, die proprietäre Software herstellen. Manche arbeiten bei VmWare, einem Hersteller von (proprietärer) Virtualisierungssoftware. Es gibt als Menschen, die bei VmWare arbeiten, beim GNOME-Projekt ihrer Freizeitbeschäftigung nachgehen und über all das bloggen. Nochmal ganz langsam zu mitlesen: Es gibt Entwickler des GNOME-Projektes, die über proprietäre (auch bekannt als Closed-Source) Software bloggen und deren Blogeinträge erscheinen im GNOME-Planeten. Nicht weiter schlimm, so könnte man denken. Schließlich wäre das konsequente nicht erwähnen der Closed-Source Software, so als würde es sie nicht geben, etwas weltfremd, um nicht zu sagen kleinlich.

Richard Stallman

Aber Richard Stallman sah das natürlich anders. Er monierte auf der GNOME-Mailingliste das Erscheinen von Beiträgen im GNOME-Planeten, die sich um proprietäre Software drehen. In seiner Welt ist proprietäre Software schlecht und Open-Source Software gut. Oh, Entschuldigung, es muss natürlich freie Software heißen. Denn nach Mr. Stallman ist Software, die man kopieren darf und deren Quellcode frei verfügbar ist, nicht zwangsläufig freie Software. So zählen für rms als Beispiel die verschiedenen BSD-Varianten nicht als freie Software. Und auf der Liste der freien Linux-Distributionen, die die FSF regelmäßig heraus gibt, steht keine der sogenannten Major-Distributionen. Nicht einmal debian! Und das nennt sich voller Überzeugung debian GNU/Linux und stellt sich damit im GNU/Linux-Namensstreit auf die Seite von Richard Stallman und FSF. Keine andere Major-Distribution macht das. So zeigt das Fallbeispiel debian ganz gut, was für eine Einstellung Richard Stallman hat. Sowas hat einen Namen: Fundamentalismus. Dieser Begriff ist hart, aber nicht überzogen. Schließlich definiert Wikipedia Fundamentalismus so:

„Als fundamentalistisch [wird] eine religiöse oder weltanschauliche Bewegung bezeichnet, die eine Rückbesinnung auf die Wurzeln einer bestimmten Religion oder Ideologie fordert, welche notfalls mit radikalen und teilweise intoleranten Mitteln durchgesetzt werden soll.”

Im Klartext bedeutet das: Wir haben mit rms einen Fundamentalisten der Open-Source-Bewegung vor uns. Behält man das im Hinterkopf, so wird klar, warum Stallman die Blogeinträge bemängelte. Freie Software ist das einzig Wahre. Und um die User nicht zu verführen, Closed-Source Software zu benutzen, darf nicht über solche Software gesprochen werden. In der Welt von Stallman ist Closed-Source ein Tabu.
Die GNOME-Community ist natürlich nicht so extrem in ihrer Haltung. Kann sie gar nicht. Viele, wenn nicht die meisten von ihnen, müssen Closed-Source einsetzen. Seien es die 3D-Treiber für ihre Grafikkarten, die Treiber für die WLAN-Hardware oder schlicht und ergreifend professionelle Software, die keinen Open-Source Ersatz hat. Man mag Open-Source kann aber nicht immer auf Closed-Source verzichten. Eine solche Einstellung nennt man „gemäßigt”.

Fundis vs. Realos

Und wie in jeder Gesellschaft stoßen die Fundamentalisten und die Gemäßigten aneinander. In der Politik nennt man das Flügelkämpfe. Besonders berühmt für solche „Kämpfe” sind da Bündnis90/die Grünen. Auch da bekämpfen sich „die Fundis” und „die Realos”. Die grüne Partei hat viele schwere Flügelkämpfe hinter sich. Manchmal drohte sogar das Ende der Partei. So ähnlich ist es in diesem Fall. Außen stehende können hier, wie früher bei den Grünen, an Hand der Aussagen sehen, wie schwer der Streit ist. Dieser Fall gehört zu den schwereren. Woran man das sieht? Nun, die Realos, also die Entwickler, überlegen GNU zu verlassen.
Das wäre ein großer Schritt und das nicht nur, weil dann das Projekt umbenannt werden müsste. Es wäre ein Bruch mit der Gründungshistorie. Schließlich ist GNOME damals erschaffen worden, weil der andere Desktop, auch bekannt als KDE, auf eine (damals noch) Closed-Source Programmbibliothek namens Qt setzte und noch setzt. Aber vielleicht ist es nicht der Super-GAU, den manche GNOME-Benutzer befürchten, sondern schlicht nötig. Vielleicht ist es nicht nur nötig, dass man sich trennt, sondern entwicklungsfördernd. Schließlich müssen Kinder erwachsen werden und das Elternhaus verlassen. Das gibt ihnen Raum sich weiter zu entwickeln, sich mit fremden Einstellungen vertraut zu machen und an zu nehmen oder ab zu lehnen.
Genau das könnte das Beste für das GNOME-Projekt sein. Das Projekt hat nun die einmalige Gelegenheit sich von GNU los zu sagen. Das Projekt würde zwar mit dem verlassen von GNU auch einige Entwickler verlieren, aber es wäre auch befreit von Regeln und könnte sich einen völlig neuen Weg, eine neue Einstellung, aneignen. Und wer immer sich Sorgen macht, das GNOME-Projekt könne dabei nicht nur sein G, sondern auch seine Identität verlieren, dem sei gesagt, dass die meisten Kinder, wenn sie dann erwachsen sind, doch sehr stark ihren Eltern ähneln.

Advertisements