Der Linux Mint Rant

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“
Martin Luther beim Reichstag zum Worms, 1521

Am Anfang war debian. Und aus debian machte Mark S. ubuntu. Und er sah, dass es gut war. Natürlich sah das jemand anders und machte ein Wallbuntu namens ubuntu Mint. Aber Mark S. wollte damit nichts tun haben und befahl den Namen zu ändern. So hieß ubuntu Mint auf einmal Linux Mint.
Allerdings fehlte Mint immer noch eine Daseinsberechtigung, denn es war nur ein weiteres Wallbuntu. Also schrieb sein Erschaffer ein paar Tools in der Hoffnung, dass Mint nun als eigenständige Distribution anerkannt würde. Aber es war nur eine Kopie von ubuntu mit ein paar zusätzlichen Tools. Auch bastelte man am Gnome Desktop rum, der wie beim Original der Standarddesktop war. Zwar sah der Gnome Desktop jetzt nicht mehr wie der von ubuntu aus, glich aber nun mehr der Variante von openSUSE, einer echte eigenständigen Distribution. Das fiel nur keinem auf, da der typische Mint-User nur ubuntu kennt.
Dann machte die Gnome Foundation etwas völlig unerwartetes: Die Entwickler kündigten Version 3.0 an und griffen die Gelegenheit beim Schopfe und machten einen Schnitt. Schluss mit Gtk2, Schluss mit Metacity, Schluss mit dem 10 Jahre alten „Look & Feel“. Der Gnome Desktop bekam eine radikale Runderneuerung.
Okay, diese Runderneuerung kam nicht wirklich unerwartet. Es gab eine Ankündigung und es gab natürlich den upstream, mit dem sich jeder, der wollte, den aktuellen Entwicklungsstand ansehen konnte. Es gab sogar auf gnome.org eine copy & paste Installationsanleitung während der Entwicklungsphase. Nur heißt der upstream von Mint nicht Gnome, wie es bei einer echten Distributionen der Fall wäre, sondern ubuntu.
Damit wären wir in der Gegenwart angekommen. Gnome liegt mittlerweile in der Version 3.2 vor. Der große Schnitt ist geschehen, auch wenn es nicht jedem gefällt. Es ist aber auch nicht der einzige Desktop für Linux (für debian User: Gnu/Linux). Es gibt ja noch KDE Plasma, Xfce, LXDE und vieles mehr. Und für echte Masochisten geht’s natürlich auch ganz ohne. Wer nicht zufrieden ist, wechselt einfach. Die Linux-Welt könnte so schön sein. Wäre da nicht die ‚Distribution‘ Mint.

Wir erinnern uns: Mint bastelte viel am alten Gnome Desktop rum, um sich von ubuntu nicht nur durch das Wallpaper zu unterscheiden. Diese Veränderungen funktionieren logischerweise nach der Radikalkur nicht mehr. Aber es gibt Rettung: Gnome hat eine Plugin-Schnittstelle. Diese Plugins heißen Extensions. Und sie sind mächtig. Ein Kommentator dieses Blogs meinte völlig zu Recht: „Mit CSS2, Javascript und den Extensions dürften die Möglichkeiten der Shell nahezu unbegrenzt sein (funktionell und visuell).“

„Die Aussage ‚Kein Mensch wäre so dumm, so etwas zu tun‘ stimmt nicht. Irgend jemand wäre immer so dumm, etwas wirklich Dummes zu tun – nur um zu sehen, ob es möglich wäre. Wenn du in einer versteckten Höhle einen Schalter anbringst und ein Schild aufhängst ‚ENDE-DER-WELT-SCHALTER. BITTE NICHT DRÜCKEN‘, hätte das Schild nicht einmal Zeit zu trocknen.“
Terry Prachett

So sieht es aus. Mint nutzt die Extensions, um ihr gewohntes Look & Feel der Gnome-Shell (dem sichtbarsten Teil von Gnome 3.X) aufzuzwingen. Und die Ersten klatschen schon Beifall. Aber die Sache hat den ein oder anderen Haken: Schon die Verkünder der ‚frohen‘ Botschaft auf Web Upd8 mahnen, dass es vielleicht Probleme mit den offiziellen Extensions geben könnte. Denn mit Nichten ist die Mint Gnome Shell Extension (MGSE) eine offizielle Erweiterung und wird es auch wohl nie werden. So sind die Probleme durch andere offizielle (!!) Extensions schon vorprogrammiert. Und die Probleme darf die quasi nicht vorhandene Mint Community alleine lösen, denn zumindest auf dem riesigen deutschen Portal für ubuntu hat man sich vor lange Zeit in weiser Voraussicht darauf geeinigt, diesem Versuch einer Distribution und Ableger von ubuntu keinen Support zu geben. Da hilft auch alles Wehklagen der Mint-User nichts (siehe: hier, man beachte die Aussagen der Teammitglieder).

Wenn man den Screenshot auf Web Upd8 so betrachtet und Gnome3 kennt, dann fällt einem so das eine oder andere klitzekleine Usability Problem auf. Es fängt an mit der Frage: Was passiert eigentlich mit dem Benachrichtigungssystem? Für diejenigen, die kein Gnome nutzen: Das Benachrichtigungssystem befindet sich am unteren Rand des Bildschirms und ist ausgeblendet, sofern es nichts melden gibt. Ja, richtig! Genau da befindet sich jetzt das glorreiche Mint Panel. Aber es geht noch weiter! Um das Ding zu Gesicht zu bekommen, auch wenn es keine Nachricht für den User hat, geht man mit der Maus in die untere rechte Ecke. Also genau dahin, wo die Macher von Mint den Arbeitsflächenwechsler hin gepackt haben.

Facepalm a la Cpt. Picard

Apropos Arbeitsflächen: Mit der Einführung von Gnome3 entschied man sich für ein sehr flexibles System zur Erstellung der Arbeitsflächen. Das wurde so gestaltet, dass man immer eine freie Arbeitsfläche hat, auf der man eine neue Anwendung starten kann. Sollte man also die freie Arbeitsfläche belegen, wird eine Neue erstellt. Wird eine frei, wird selbige entfernt. Zu dem Thema „Gnome 3 und die Arbeitsflächen“ schreibe ich in einem späteren Beitrag noch was weiterführendes.
Ja, man das Problem förmlich riechen: Entweder die Mint-Extension schaltet dieses System einfach ab, oder das Panel droht „voll zu laufen“, wenn man permanent eine neue Arbeitsfläche erschafft. Da dürfte man froh sein, wenn man einen Widescreeen-Monitor sein eigen nennt. Bleibt eigentlich nur Abschalten. Und zack hat man das nächste Problem: Die Aktivitäten werden nutzlos. Man braucht sie nicht mehr. Leider machen sie aber gefühlte 50% des Gnome 3 Desktops in Sachen Ressourcen aus.
Und ich kann sie, die Mint-User, schon maulen hören: „Gnome 3 ist viel ressourcenhungrigern als Gnome 2. Das ist ja voll blöd!!!!11einself.“ Ja, lieber zukünftiger Mint-User Gnome 3 braucht mehr Ressourcen als Gnome 2. Es kann aber auch deutlich mehr. Nur siehst Du das nicht, da du diese unsinnige MGSE benutzt. Und das ist nicht die Schuld der Gnome-Entwickler, sondern die der Mint-‚Entwickler‘. Und deine! Denn Du hast es versäumt a) Dich mit dem neuen Konzept anzufreunden oder b) einfach zu wechseln. Nein, Du musstest in Blogs, Foren und sonst wo Deine unumstößliche Meinung abgeben und hast jetzt endlich in den Machern von Mint willfährige Helfer gefunden.
Und nur so als Anmerkung: Ich habe kein Problem damit, dass irgendwer Gnome 3 nicht mag. Soll er/sie/es was anderes benutzen und gut. Es wird Desktop-Umgebungen wie Xfce sicherlich gut tun, wenn sie ein bisschen mehr Aufmerksamkeit seitens der User erhalten.
Aber Dein Horizont, lieber Mint-User, ist natürlich begrenzt. Und die Diskussion der Gnome-Entwickler untereinander, ob Extensions überhaupt eine gute Idee sind, hast DU nicht mitbekommen. Und so verstehst Du nicht, dass Extensions wie die MGSE Wasser auf den Mühlen derjenigen Entwickler sind, die die Extensions am liebsten abschaffen würden. Und wenn weitere wannabe Distributoren auf ähnlich glorreiche Ideen kommen, wie eurer geliebtes Mint, was wird dann wohl passieren?
Tja, mit dem Gedanken lass ich Dich mal alleine…

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10 Gedanken zu „Der Linux Mint Rant

  1. solche probleme mit mint gibt es nichtnur unter gnome. auch schaffen es die entwickler, fluxbox <1minuten lang starten zu lassen weil bei jeder anmeldung die menüstruktur komplett druchsucht wird. das gefällt den fluxbox nutzern die den desktop wg der performance gewählt haben natürlich besonders gut.man fragt sich auch wieso mit dem fluxboxdesktop ein gnome-panel mitkommt, wo fluxbox das doch auch selber kann.
    aber auch tiefer im system machen die mint "entwickler" das was sei von ubuntu anders machen falsch. in der letzten mint-lts variante mit fluxbox destko stand in der /etc/apt/apt.conf APT::Get::AllowUnauthenticated 1;
    über das firefox-branding mit der cse, die einem andere ergebnise als die normale google suche liefert muss man ja auch nicht viel mehr sagen.

  2. Vorab: Ich bin kein Fan von Mint, denn eine Distribution wie Mint trägt nichts zum Ökosystem Linux bei. Sie bauen nur auf Ubuntu auf, die wiederum auf Debian und Eigenentwicklungen (sofern vorhanden) kommen nicht den eigentlichen Projekten zu gute. Ich habe mit mal das alte „mint-menu“ angeschaut, als es jemand in Fedora importieren wollte: Der Code war grauenhaft und überall war „mint“ hardcoded. Sowas will man nicht.

    Allerdings bin ich auch kein Fan der GNOME Shell, und deshalb begrüße ich, wenn jemand Alternativen bietet (egal wer) und möchte mit ein paar Missverständnissen aufräumen:
    1. Es gibt keine „offiziellen“ GNOME Shell extensions. Nichts davon wird auf gnome.org gehostet oder entwickelt, insofern sind alle extensions inoffiziell.
    2. Welchen Benachrichtigungs-Daemon man nimmt, kann man in gnome-session-properties auswählen. Nimmt man den alten notification-daemon hat man „klassische“ Benachrichtigungen, neuerdings sogar mit einem Trayicon, mit dem man abgelaufene Meldungen einblenden oder alle auf einmal bestätigen kann. Trayicons sollen von MGSE ja unterstützt sein, damit hätte man dann die gleiche Funktionalität wie in der GNOME Shell.
    3. Nein, GNOME Shell kann nicht mehr als der alte GNOME 2 Desktop. Eher weniger, das sagen sogar die Entwickler.

    Fazit: Mint ist fragwürdig, und es gibt viele Gründe, es zu bashen. Aber gerade jetzt, wo Mint mal anfängt, etwas Eigenständiges zu machen, genau deshalb zu bashen, ist meiner Meinung nach falsch. Warten wir ab, wie sich MGSE entwickelt. Ich glaube nicht, dass es eine große Zukunft hat, aber wenn, sollten wir es Mint gönnen.

    • Hallo Christoph,
      auch ich begrüße Alternativen zu Gnome (auch wenn es gerade nicht so aus sieht), aber mit einer Extension alles am Bedienkonzept über den Haufen werfen? Naja, das war mir einen Rant wert…

      Zu 1. Okay, ich bin auf Grund von git davon ausgegangen, dass die dort gehosteten Extensions[1] offiziell seien, allerdings finde ich auf der HP nichts dazu. Daher sag ich jetzt mal: Wenn du was zu dem Thema hast, lass es mir zu kommen, damit ich mich nicht dumm und dämlich suche. ;) Ich korrigier das dann entsprechend.

      Zu 2. Mir ging es hauptsächlich darum, dass deren Panel im Bezug auf das Standardbenachrichtigungssystem (fürchterliches Wort, sorry) mehr als schlecht positioniert ist. Oder anders ausgedrückt: Es gibt einen Grund, warum Gnome3 kein unteres Panel mehr hat.

      Zu 3. Sorry, ich hab mich in meinem Überschwang wohl missverständlich ausgedrückt: Gemeint waren die Composition-Fähigkeiten, die Gnome3 hat. Das höchste der Gefühle bei Metacity ist meines Wissens nach echte Transparenz.

      [1] http://git.gnome.org/browse/gnome-shell-extensions/

      • 1. Du hast Recht. Was auf git.gnome.org ist, ist „offiziell“.

        2. Das ist ein Problem der Shell: Wäre sie flexibel, könnte man das Panel oder die Benachrichtigungen haben, wo man will.

        3. Metacity kann schon mehr, z. B. auch Schatten, aber keine fancy Effekte. Das ist aber leider auch das Problem: Vor lauter fancyness hat man echte features vergessen.

    • > Linux Mint trägt nichts zum Ökosystem Linux bei.

      Linux Mint macht da weiter, wo Ubuntu aufhört. Es spart mir damit Arbeit.

      Viele andere Nutzer wissen das auch zu schätzen.

      > Ich habe mit mal das alte “mint-menu” angeschaut

      > Der Code war grauenhaft

      > Überall war “Mint” hardcodiert.

      Wo du es doch besser kannst, warum machst du es nicht besser?

      • Ok, es spart Dir Arbeit. Und inwiefern nutzt das dem Linux-Ökosystem? Investierst Du die Zeit, die Du sparst, in andere nützliche Dinge, die anderen zu Gute kommen?

        Und ich denke, ich kann von mir behaupten, dass ich es besser mache. Bei allen Projekten, an denen ich beteiligt bin, wird man solche Schweinereien nicht finden. In Fedora beispielsweise braucht man lediglich 3 Pakete auszutauschen (fedora-release, fedora-release-notes und fedora-logos) und kann dann seine eigene Distribution draus machen, ohne irgendwelche Referenzen auf Fedora oder Red Hat.

        • > Ok, es spart dir Arbeit.

          Es spart nicht nur mir Arbeit.

          > Und inwiefern nutzt das dem Linux-Ökosystem?

          Es wird dadurch populärer.

          Das erhöht die Chance, das dafür jemand etwas programmiert.

          > Investierst du die Zeit, die du sparst,

          > in andere nützliche Dinge, die anderen zu Gute kommen?

          Ich geb mir Mühe.

          Ideen hab ich genug. Ich arbeite auch daran.

          Es fällt mir aber schwer das ins Netz zu bringen.

          > Bei allen Projekten, an denen ich beteiligt bin,

          > wird man solche Schweinereien nicht finden.

          Finde ich gut.

          Man sollte aber anmerken, die von Linux Mint sind Programmier-Anfänger.

          Da sollte man für den Anfang Milde walten lassen.

          Und nicht so drauf einprügeln.

  3. Da sind wir uns ausnahmsweise einig: Es sind Anfänger und jetzt, wo sie mal anfangen, was zu machen, sollte man das nicht verurteilen. Ich bin gespannt, was bei Cinnamon herauskommt. Allerdings bin ich nicht gerade optimistisch, denn sie haben ohne Not von GNOME geforkt und das ist zu viel Code, als dass sie es selbst maintainen könnten. Mint wäre besser beraten, mit GNOME Upstream zusammenzuarbeiten,

    • Nur um das festzuhalten: Cinnamon kam nach diesem Eintrag. Und ja, ich hätte mich anders geäußert, hätte ich den Eintrag _nach_ Cinnamon geschrieben.
      Es wäre immer noch kein Loblied geworden, aber nicht so scharf wie es jetzt da steht. Zu meiner Haltung in Bezug auf die MGSE bleibe ich aber.

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