Eine selbsterfüllende Prophezeiung

„… the Linux philosophy is „laugh in the face of danger“. Oops. Wrong one. „Do it yourself“. That’s it.“ – Linus Torvalds

Sind Linux-User elitär? Dieses Wort, elitär, scheint bei vielen im Zusammenhang mit Linux-Usern zu stehen. Dazu schwebt noch unsichtbar das Wort Hacker im Raum. Das ist natürlich eine Verallgemeinerung. Die auch noch Quatsch ist, wie „Alle Politiker sind korrupt!” oder „Profi-Fußballer sind überbezahlt!”. Aber woher kommt diese Vorstellung, dass Linuxer sich für etwas besseres halten? Sicherlich, in jeder Verallgemeinerung steckt ein Körnchen Wahrheit. Es gab und gibt überbezahlte Profi-Fußballer (schönen Gruß an Mario Basler an dieser Stelle). Und es gab und gibt korrupte Politiker (schönen Gruß an die FDP-Führungsriege). Logischerweise gibt es auch Linuxer, die sich für etwas besseres halten.

Tux, das Linux-Maskottchen

Tux, das Linux-Maskottchen

Aber ist diese Minderheit in einer Minderheit prägend für das Außenbild? Diese User, deren Motto zu sein scheint „Ich benutze Linux und habe damit automatisch mehr Ahnung von PCs als Du, dummer Windows-User!”, haben bei Diskussionen meist einen sehr plakativen Diskussionsstil, der sich natürlich in die Gedächtnisse der Mitlesenden einbrennt. So ist ihre Außenwirkung um Längen größer als diejenigen, die versuchen sachlich und ruhig zu argumentieren. Okay, daher kommt also das Bild, dass alle Linuxer arrogante Typen sind? Wenn es nur so einfach wäre. Ist es natürlich nicht.

Grundlagenforschung

Um zu verstehen, woher diese Vorstellung kommt, muss man bedenken, wann beide Seiten aufeinander treffen, nämlich wenn Joe Random User versucht sich Linux zu installieren. Dabei entstehen natürlich Fragen. Das ist ja ein völlig neues Betriebssystem. Und das ist von Grund auf anders designt. Es ist ein anderes Bedienungskonzept. Das heißt nicht, dass die 3 bei Windows obligatorischen Button in der oberen rechten Ecke eines Fensters fehlen, sondern es heißt, dass über die Grundlagen völlig anders entschieden wurde. Braucht man zum Beispiel eine Systemsteuerung oder kann man das auch anders lösen? Vieles ist anders als bei dem redmonder System. Das Grundkonzept ist also ein anderes. Und nun stelle man sich Joe Random User mit seinem frisch installierten Linux vor: Er steht vor seinem PC und versteht selbigen nicht mehr. Wo stellt man die Sprache des Systems ein? Wo ist ein einfacher Editor? Start -> Programme -> Zubehör? Das geht jetzt nicht mehr. Und wohin wendet er sich mit seinen Fragen? Richtig, an die Community! Und die stellt Gegenfragen:
„Welches Linux hast du denn?” – „Es gibt mehrere Linuxe?”
„Welchen Desktop hast du?” – „Es gibt mehrere Desktops?”
Die Verwirrung ist nahezu greifbar. Er kommt aus einer Welt in der 1 Konzern über alles entscheidet. Dieser Desktop wird benutzt. Und dieser Editor. So wird es gemacht und nicht anders. Das ist schön bequem und schön einfach. Und das muss es auch sein, denn der Hersteller hat zur Aufgabe ein Produkt zu verkaufen, dass ein Quasi-Monopol behält. Also muss das Produkt so entwickelt werden, dass nicht ein potentieller Kunde überfordert wird. Überforderte Kunden wollen schließlich ihr Geld zurück. Die Erhaltung des Quasi-Monopol ist das einzige Ziel von Microsoft (im Desktop-Bereich). Ein Windows auf jedem PC! Diese Haltung hält Joe für die natürliche Haltung eines Betriebssystem-Herstellers. Nur stimmt das bei Linux leider so gar nicht. Zum einem, weil es keinen einzelnen Hersteller von Linux gibt, und zum anderen, weil diejenigen, die ein Linux herstellen, schlicht und ergreifend Linux nicht auf jeden PC haben wollen. Die Liste für die Gründe ist sehr lang und es würde hier deutlich zu weit führen auch nur die Hälfte auf zu listen. Aber der Punkt ist sehr wichtig: Bitte im Gedächtnis behalten!

Linux ist nicht Windows
MS' anti-Open-Source-Kampagne

dezente Kampagne von MS zum Thema Open Source

Nun kommt Joe Random User also aus seiner 1-Konzern-entscheidet-über-alles-wichtige-Welt und weiß, was einfach ist. Microsoft hat es ja vorgemacht. Microsoft ist das Maß aller Dinge. Also fragt er danach, warum alles so kompliziert ist. Warum gibt es zum Beispiel keine Linux-Tour nach dem ersten booten? Gibt es doch bei Windows auch. Ja, das gibt es bei Windows. Windows hat auch den Anspruch für jeden User verständlich zu sein. Linux hat diesen Anspruch wie gesagt nicht. Und so eine Linux-Tour wäre nur für Einsteiger interessant. Für die überwiegende Mehrheit wäre so ein Ungetüm schlicht unnütz. Unter Windows erfüllt diese Tour einen ganz wichtigen Zweck: Sie dient der Beruhigung einer eventuellen Unsicherheit nach dem Kauf, schließlich weiß dann auch der erfahrene User, dass es auch bei leichten Problemen Hilfe gibt. Das ist ein allgemein bekanntes Problem. Microsoft muss das lösen, wenn Windows weiterhin auf jedem PC bleiben soll. Linux hat dieses Problem nicht. Also konzentriert man sich bei Linux auf das, was für den Durchschnitts-Linux-User interessant ist. Und das ist keine Linux-Tour. Natürlich gibt es bei den meisten Distributionen eine Dokumentation, die anfängerfreundlich ist, nur drängt die sich nicht auf, um den erfahrenen User nicht zu stören. (Als Beispiele: Debian, Fedora, openSUSE und Ubuntu)
Joe Random Users eigentliche Frage ist also, warum bekommt er die Informationen, die er benötigt, nicht auf einem Silbertablett serviert. Aber er fragt, warum Linux so kompliziert ist. Diejenigen, die die Dokumentationen gelesen (oder auch geschrieben) haben, antworten, dass es nicht kompliziert ist. Sie antworten, dass es dafür eine Dokumentation oder eine Anleitung gibt und geben ihm einen Link. Einige sind dann schon genervt. Joe ist ja nicht der erste, der das fragt, und antworten kurz, knapp und rüde mit RTFM. Manche von ihnen sind dann schon so genervt, dass es zu solchen Blog-Einträgen kommt: „Linux ist nichts für dich. Lass es.”. Und logischerweise denkt unser Joe: „Die wollen mich nicht!” und „Die halten sich wohl für was Besseres!”.
Und zack ist sie da: Die Aussage, dass Linux-User  sich elitär verhalten. Es ist quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung.

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