Gnome 3.4: Bitte kein ‚Application Menu‘

Eigentlich wollte ich ja nach dem letzten Eintrag etwas positives schreiben. Da kam mir der Link zu den geplanten Features für Gnome 3.4 gerade recht. Also schnell geöffnet und voller Begeisterung angefangen zu lesen. Doch dann stolperte ich über den Punkt: „Application Menu / Actions“. Das jeweilige Anwendungsmenü soll demnach als Kontextmenü des jeweiligen Icons im Panel integriert werden. Man betrachte sich einfach mal die Mockups dazu.

Mockup des Application Menu
Application Menu

Und das ist der Zeitpunkt an dem ich wieder meckern muss, denn das ist genau der Punkt, der mich auch an unity stört. Unity hat das bereits und es nervt mich wirklich. Hat man nämlich eine Anzahl von Anwendungen, die nicht maximiert sind, dann wird der Weg zum Menü echt lang. Vor allem wenn diese Anwendungen auf dem 2. Bildschirm liegen! Wenn so was bei unity eingeführt wird, ist mir das relativ egal. Unity gibt es nur bei ubuntu und ich hab kein ubuntu. (Nur ganz nebenbei, meine Freunde von unity: Es freut mich, dass ihr das gut findet oder zumindest damit leben könnt, aber versteht, dass es nicht mein Geschmack ist.)
Aber es gibt Hoffnung. So ist als einer der Punkte Folgendes aufgeführt:

„The app menu needs to be dynamic (…), to accomodate sensitivity changes of actions, and e.g. window state (fullscreen / not fullscreen)“

So könnte es sein, dass eine nicht maximierte Anwendung ihr Menü behält, damit man eben nicht die virtuellen Kilometer abreißen muss.
Auch ein weiterer Satz stimmt mich vorsichtig optimistisch. Wenn es da bei den Programmen, die dieses Feature wahrscheinlich nicht in naher Zukunft übernehmen können, heißt:

„This is not a problem – it is fine for such applications to keep their traditional menus“

Daraus schließe ich einfach mal, dass den jeweiligen Programmen ihr Menü nicht zwangsenteignet wird.
Es sieht bei näherer Betrachtung nicht ganz so gruselig aus, wie am Anfang. Oder wie meine Oma zu sagen pflegte: „Nix wird so heiß gegessen, wie’s gekocht wird!“

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Der Linux Mint Rant

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“
Martin Luther beim Reichstag zum Worms, 1521

Am Anfang war debian. Und aus debian machte Mark S. ubuntu. Und er sah, dass es gut war. Natürlich sah das jemand anders und machte ein Wallbuntu namens ubuntu Mint. Aber Mark S. wollte damit nichts tun haben und befahl den Namen zu ändern. So hieß ubuntu Mint auf einmal Linux Mint.
Allerdings fehlte Mint immer noch eine Daseinsberechtigung, denn es war nur ein weiteres Wallbuntu. Also schrieb sein Erschaffer ein paar Tools in der Hoffnung, dass Mint nun als eigenständige Distribution anerkannt würde. Aber es war nur eine Kopie von ubuntu mit ein paar zusätzlichen Tools. Auch bastelte man am Gnome Desktop rum, der wie beim Original der Standarddesktop war. Zwar sah der Gnome Desktop jetzt nicht mehr wie der von ubuntu aus, glich aber nun mehr der Variante von openSUSE, einer echte eigenständigen Distribution. Das fiel nur keinem auf, da der typische Mint-User nur ubuntu kennt.
Dann machte die Gnome Foundation etwas völlig unerwartetes: Die Entwickler kündigten Version 3.0 an und griffen die Gelegenheit beim Schopfe und machten einen Schnitt. Schluss mit Gtk2, Schluss mit Metacity, Schluss mit dem 10 Jahre alten „Look & Feel“. Der Gnome Desktop bekam eine radikale Runderneuerung.
Okay, diese Runderneuerung kam nicht wirklich unerwartet. Es gab eine Ankündigung und es gab natürlich den upstream, mit dem sich jeder, der wollte, den aktuellen Entwicklungsstand ansehen konnte. Es gab sogar auf gnome.org eine copy & paste Installationsanleitung während der Entwicklungsphase. Nur heißt der upstream von Mint nicht Gnome, wie es bei einer echten Distributionen der Fall wäre, sondern ubuntu.
Damit wären wir in der Gegenwart angekommen. Gnome liegt mittlerweile in der Version 3.2 vor. Der große Schnitt ist geschehen, auch wenn es nicht jedem gefällt. Es ist aber auch nicht der einzige Desktop für Linux (für debian User: Gnu/Linux). Es gibt ja noch KDE Plasma, Xfce, LXDE und vieles mehr. Und für echte Masochisten geht’s natürlich auch ganz ohne. Wer nicht zufrieden ist, wechselt einfach. Die Linux-Welt könnte so schön sein. Wäre da nicht die ‚Distribution‘ Mint.

Wir erinnern uns: Mint bastelte viel am alten Gnome Desktop rum, um sich von ubuntu nicht nur durch das Wallpaper zu unterscheiden. Diese Veränderungen funktionieren logischerweise nach der Radikalkur nicht mehr. Aber es gibt Rettung: Gnome hat eine Plugin-Schnittstelle. Diese Plugins heißen Extensions. Und sie sind mächtig. Ein Kommentator dieses Blogs meinte völlig zu Recht: „Mit CSS2, Javascript und den Extensions dürften die Möglichkeiten der Shell nahezu unbegrenzt sein (funktionell und visuell).“

„Die Aussage ‚Kein Mensch wäre so dumm, so etwas zu tun‘ stimmt nicht. Irgend jemand wäre immer so dumm, etwas wirklich Dummes zu tun – nur um zu sehen, ob es möglich wäre. Wenn du in einer versteckten Höhle einen Schalter anbringst und ein Schild aufhängst ‚ENDE-DER-WELT-SCHALTER. BITTE NICHT DRÜCKEN‘, hätte das Schild nicht einmal Zeit zu trocknen.“
Terry Prachett

So sieht es aus. Mint nutzt die Extensions, um ihr gewohntes Look & Feel der Gnome-Shell (dem sichtbarsten Teil von Gnome 3.X) aufzuzwingen. Und die Ersten klatschen schon Beifall. Aber die Sache hat den ein oder anderen Haken: Schon die Verkünder der ‚frohen‘ Botschaft auf Web Upd8 mahnen, dass es vielleicht Probleme mit den offiziellen Extensions geben könnte. Denn mit Nichten ist die Mint Gnome Shell Extension (MGSE) eine offizielle Erweiterung und wird es auch wohl nie werden. So sind die Probleme durch andere offizielle (!!) Extensions schon vorprogrammiert. Und die Probleme darf die quasi nicht vorhandene Mint Community alleine lösen, denn zumindest auf dem riesigen deutschen Portal für ubuntu hat man sich vor lange Zeit in weiser Voraussicht darauf geeinigt, diesem Versuch einer Distribution und Ableger von ubuntu keinen Support zu geben. Da hilft auch alles Wehklagen der Mint-User nichts (siehe: hier, man beachte die Aussagen der Teammitglieder).

Wenn man den Screenshot auf Web Upd8 so betrachtet und Gnome3 kennt, dann fällt einem so das eine oder andere klitzekleine Usability Problem auf. Es fängt an mit der Frage: Was passiert eigentlich mit dem Benachrichtigungssystem? Für diejenigen, die kein Gnome nutzen: Das Benachrichtigungssystem befindet sich am unteren Rand des Bildschirms und ist ausgeblendet, sofern es nichts melden gibt. Ja, richtig! Genau da befindet sich jetzt das glorreiche Mint Panel. Aber es geht noch weiter! Um das Ding zu Gesicht zu bekommen, auch wenn es keine Nachricht für den User hat, geht man mit der Maus in die untere rechte Ecke. Also genau dahin, wo die Macher von Mint den Arbeitsflächenwechsler hin gepackt haben.

Facepalm a la Cpt. Picard

Apropos Arbeitsflächen: Mit der Einführung von Gnome3 entschied man sich für ein sehr flexibles System zur Erstellung der Arbeitsflächen. Das wurde so gestaltet, dass man immer eine freie Arbeitsfläche hat, auf der man eine neue Anwendung starten kann. Sollte man also die freie Arbeitsfläche belegen, wird eine Neue erstellt. Wird eine frei, wird selbige entfernt. Zu dem Thema „Gnome 3 und die Arbeitsflächen“ schreibe ich in einem späteren Beitrag noch was weiterführendes.
Ja, man das Problem förmlich riechen: Entweder die Mint-Extension schaltet dieses System einfach ab, oder das Panel droht „voll zu laufen“, wenn man permanent eine neue Arbeitsfläche erschafft. Da dürfte man froh sein, wenn man einen Widescreeen-Monitor sein eigen nennt. Bleibt eigentlich nur Abschalten. Und zack hat man das nächste Problem: Die Aktivitäten werden nutzlos. Man braucht sie nicht mehr. Leider machen sie aber gefühlte 50% des Gnome 3 Desktops in Sachen Ressourcen aus.
Und ich kann sie, die Mint-User, schon maulen hören: „Gnome 3 ist viel ressourcenhungrigern als Gnome 2. Das ist ja voll blöd!!!!11einself.“ Ja, lieber zukünftiger Mint-User Gnome 3 braucht mehr Ressourcen als Gnome 2. Es kann aber auch deutlich mehr. Nur siehst Du das nicht, da du diese unsinnige MGSE benutzt. Und das ist nicht die Schuld der Gnome-Entwickler, sondern die der Mint-‚Entwickler‘. Und deine! Denn Du hast es versäumt a) Dich mit dem neuen Konzept anzufreunden oder b) einfach zu wechseln. Nein, Du musstest in Blogs, Foren und sonst wo Deine unumstößliche Meinung abgeben und hast jetzt endlich in den Machern von Mint willfährige Helfer gefunden.
Und nur so als Anmerkung: Ich habe kein Problem damit, dass irgendwer Gnome 3 nicht mag. Soll er/sie/es was anderes benutzen und gut. Es wird Desktop-Umgebungen wie Xfce sicherlich gut tun, wenn sie ein bisschen mehr Aufmerksamkeit seitens der User erhalten.
Aber Dein Horizont, lieber Mint-User, ist natürlich begrenzt. Und die Diskussion der Gnome-Entwickler untereinander, ob Extensions überhaupt eine gute Idee sind, hast DU nicht mitbekommen. Und so verstehst Du nicht, dass Extensions wie die MGSE Wasser auf den Mühlen derjenigen Entwickler sind, die die Extensions am liebsten abschaffen würden. Und wenn weitere wannabe Distributoren auf ähnlich glorreiche Ideen kommen, wie eurer geliebtes Mint, was wird dann wohl passieren?
Tja, mit dem Gedanken lass ich Dich mal alleine…

Like a rolling stone oder Welche Distribution rollt wie gut?

Ohne Abweichung von der Norm ist Fortschritt nicht möglich.
Frank Zappa

Ubuntu als Rolling-Release-Distribution? Wie kommt man auf solche Ideen? Und was zum Henker ist überhaupt eine Rolling-Release-Distribution? Okay, fangen wir hinten an!
Eine Distribution mit Rolling-Release hat keine festen Versionen, sondern aktualisiert das System kontinuierlich, so dass es (theoretisch) immer auf dem neuesten Stand ist. Der Anwender spart sich somit, als Beispiel, das Upgrade von Ubuntu 10.04 auf Ubuntu 10.10. Allerdings muss er nun mehr drauf achten, welche Updates er wirklich installiert, denn bei einem Rolling-Release sind die verschiedenen Pakete selten gut aufeinander abgestimmt.
Und letzteres ist genau der Grund, warum man sich bei Ubuntu von Anfang an gegen ein Rolling-Release ausgesprochen hat.

Nicht immer läuft ein Update glatt

Wenn allerdings ein Nachrichtenportal wie der Register eine zweideutige Überschrift aus einer mittelprächtigen Aussage Mark Shuttleworths macht, dann, ja dann, hat die Linux-Community mal wieder etwas zu diskutieren. Da mittlerweile auch die letzten Diskussionen im sterben liegen, nutzen wir die Gelegenheit, um uns die vermeintlich großen Distributionen und ihre Roll-Fähigkeit anzusehen. Unterteilt wird Pi * Daumen * Fensterkreuz in 3 Kategorien: ‚Nur Berg ab‘ und ‚auf flacher Ebene‘ und ‚auch Berg auf‘. Übersetzung für die ganz Langsamen unter uns: ’schlecht‘, ‚mittelmäßig‘ und ‚gut‘. Diese Liste erhebt natürlich keinerlei Anspruch auf Korrektheit oder Vollständigkeit. Aber wenn es euch Spaß macht, dürft ihr euch gerne woanders beschweren. Los geht’s:

Ubuntu

Fangen wir mit dem Auslöser an. Ubuntu erscheint im Standard alle halbe Jahr. Alle 2 Jahre wird ein normales Release als sog. „Long Term Support“ (LTS) ausgegeben. Die Pakete eines Releases bekommen nur Security-Patches, aber keine Updates. Zwischen den einzelnen Ubuntu-Versionen gibt es die Möglichkeit das zukünftige Release zu testen. Allerdings ist man mit dem offiziellen Erscheinen sofort wieder im stabilen Zweig von Ubuntu.
Rollfähigkeit: nicht mal Berg ab. Geworfen vielleicht noch…

openSUSE

Novells (oder Attachmates, zum Zeitpunkt dieses Eintrags ist die Zukunft von openSUSE noch ungewiss) Community-Distribution scheint einen sehr ähnlich Weg zu gehen, wie Ubuntu. Dem Autor fehlte aber bis heute die Motivation und die Zeit openSUSEs Testversionen in irgendeiner Form zu testen.
Rollfähigkeit: ungewiss, wahrscheinlich keine

debian

Trotz (oder gerade wegen?) böser Vorurteile in Bezug auf die Geschwindigkeit der Veröffentlichungen („Even hell freezes faster“) gibt es bei debian durchaus Rollfähigkeiten. Zwar nur in den beiden Entwicklungszweigen, dafür aber umso besser. Es gibt debian als testing mit schonmal angetesteten Paketen und nicht ganz so gefährlich bei den täglich Updates und es gibt Sid. Bei Sid bekommt man den (nahezu) unmodifizierten Upstream ab. Wer hier nicht aufpasst, ruiniert sich ganz sicher sein System. Eine leichtere Administrierbarkeit von Sid hat sich das Sidux-Projekt zu Aufgabe gemacht.
Rollfähigkeit (stable): Alles fest genietet, hier rollt nix.
Rollfähigkeit (testing): auf flacher Ebene mit leichter Steigung
Rollfähigkeit (sid/Sidux): mit Mach 3 den Berg rauf. Mit Sidux nur noch Mach 1

Manchmal muss man doch Hand anlegen

Fedora

Ähnlich wie debian gibt Fedora in mehreren Geschmacksrichtungen in Bezug auf die Rollfähigkeit. Das Standard-Fedora erscheint halbjährlich. Neue Versionen eines Paketes können nachgereicht werden, allerdings sind die Paketierer seit der Version 14 angehalten keine Major-Updates mehr in stabile Versionen einzupflegen. Ob die sich daran halten werden, bleibt abzuwarten.
Rollfähigkeit: Nur mit einem starken Schubs und nur wenn es steil Berg ab geht.
Anders hingegen ist der Entwicklungszweig von Fedora, auch bekannt als Rawhide. Der Name ist Programm: Hier ist alles ungegerbt bzw. ungetestet und teilweise direkt aus dem Upstream und da Fedora Red Hats Kind ist, darf/kann sich jeder vorstellen, was bei Rawhide manchmal so los ist.
Rollfähigkeit: Wie debian sid! ‚Bring deinen eigenen Schleudersitz mit‘ ist angesagt.

Die Klassiker – Gentoo und Arch

Diese Beiden sind per Definition Rolling-Release und rollen dementsprechend gut bis super. Gerade Arch Linux steht in dem Ruf immer das neueste an Software zu liefern. Aber seien wir ehrlich: Bei einer Distribution die standardmäßig rollt ein Rolling Release zu verwenden, ist doch eher was für Weicheier. Eine Herausforderung wäre vielleicht regelmäßige stabile Releases zu machen. Das ist dann aber eher was für einen kleinen Freundeskreis als für eine Einzelperson. Vielleicht als Projekt der örtlichen LUG?

Soweit der recht kleine Abriss über die Rollfähigkeit der Major-Distributionen. Im Prinzip ist alles dabei, was das Herz begehrt: Von festen Release-Zyklen bis hin zum bleeding edge Rolling-Release. Man muss nur wissen wo…